Freunde des Hauses //
Biermösl Blosn

"Dieses Lied kommt im Bayerischen Rundfunk nicht"

Interview mit den Brüdern Hans, Michael und Christoph Well, den "Biermösl Blosn" (im November 2001)

??? Ihr geltet heute als "Bayerns beliebteste Kabarettisten" (Süddeutsche Zeitung), "Volksmusik-Rebellen" oder "Trio gegen die Tümelei" (Die Zeit). Eure musikalische Sozialisation lief etwas anders...

Hans: Wir sind in der Familie 15 Kinder gewesen und haben früher immer Hausmusik gemacht. "Tanzlmusi" für Volkstänze zum Beispiel - die machen wir auch heute noch gerne. Damals haben wir so Welly-Familien-mäßig bei Weihnachtsfeiern gespielt, haben von Kindesbeinen an auf der Bühne gestanden und dadurch auch eine unverkrampfte Einstellung zum Publikum gekriegt. Es war ja niemand daheim, der auf die kleinen Kinder aufgepasst hätte, so dass man die Kinder mitgenommen und auf die Bühne gestellt hat. Inhaltlich war das zu der Zeit alles sehr traditionell.

??? Wann habt Ihr Euch musikalisch unabhängig erklärt?

Hans: Mit 20 Jahren habe ich Gitarre spielen gelernt und ab und zu Sachen auf einer Kleinkunstbühne vorgetragen. Meine Brüder haben das gesehen und sind dann auch mal mit nach München gefahren. Dort sind wir immer umsonst reingekommen, weil wir gesagt haben, dass wir Musiker sind. Einmal ist dann eine Musikgruppe ausgefallen, so dass man uns angesprochen hat, dass wir spielen sollen. So standen wir zum ersten Mal zu dritt auf der Bühne - mit einem Stück von Ricky King, das ich auf der Gitarre gespielt habe und das mein Bruder mit der alten, verbeulten Tuba konterkariert hat. Außerdem haben wir ein Lied aus dem bayrischen Wald gesungen: "Mer san vom Wald daheim..." - und das Publikum hat sich gekugelt vor Lachen. Da haben wir gemerkt, dass wenn man ein solches Stück in München auf der Bühne singt, das wie eine Parodie wirken muss, obwohl es eigentlich ernst gemeint ist.

??? 1976 gilt als das offizielle Gründungsjahr der Biermösl Blosn...

Hans: Es war nicht in dem Sinn eine Gründung; wir haben dann halt immer öfter auf dieser Kleinkunstbühne gespielt. Und dann mussten wir uns plötzlich einen Namen geben, weil der Betreiber irgendwann erkannt hat, dass die Leute auch wegen uns kamen. Da gab es den Vorschlag, dass wir uns nach dem Biermoos benennen sollten. Das ist ein Feuchtbiotop bei uns in der Gegend. Und da gab es damals den Plan, dass man daraus eine Müllkippe macht. Mit unserem Namen wollten wir das wieder etwas in Erinnerung rufen. "Blosn" ist so was wie eine Clique.

??? Dem Parodieren folgten schon bald eigene Texte...

Hans: Die Initialzündung war, dass wir die bayrische Nationalhymne "Gott mit Dir, Du Land der Bayern" umgetextet haben. Denn da gibt es die Bayrische Warenvermittlung, kurz Baywa, einen Großchemiebetreiber, bei dem alle Bauern einkaufen. Ich habe dann den Text geschrieben: "Gott mit Dir, Du Land der Baywa". Und das haben wir dann in einer Silvester-Sendung im Bayerischen Fernsehen gesungen. Die Leute haben sehr gelacht, aber nach drei Tagen ist in einer erzreaktionären Zeitung aus Passau eine Kritik gekommen, der Bayerische Rundfunk sollte doch seinen Namen ändern, wenn sie so etwas bringen. Die Sache war nämlich die, dass direkt nach dieser Sendung die Neujahrsansprache von Franz-Josef Strauss gesendet worden ist. Und dadurch ist unser Stück umso mehr als Verhunzung der Nationalhymne empfunden worden. Da gab es große Schlagzeilen. Und plötzlich wollten alle Leute den Text haben. Der Landrat von unserem Landkreis, ein CSUler, hat mich angerufen: "Herr Well, könnten Sie mir mal den Text vorbeibringen?"

??? Hatte der Bayerische Rundfunk vorher keinerlei Bedenken?

Hans: Der verantwortliche Redakteur hat noch kurz vor der Sendung mit dem Chefredakteur des Bayrischen Fernsehens telefoniert. Der war beim Skifahren in St. Moritz. Zehn Minuten vor der Sendung haben sie dann nach ewigem Hin und Her entschieden, dass sie das Stück bringen. Und zwar weil sich alle anderen Teilnehmer an der Sendung solidarisch erklärt hatten und sagten: Wenn das Stück nicht läuft, ziehen wir unseren Beitrag auch zurück. Das wollten sie dann doch nicht riskieren. Ich habe dann hinterher erfahren, dass dieser Redakteur der frühere Pressesprecher der CSU-Staatskanzlei war. Dadurch haben wir kapiert, wie so ein Machtapparat funktioniert. Der Bayerische Rundfunk ist bis heute ein Staatssender, der Privatsender einer Partei. Die bringen Kabarettisten Bruno Jonas und Ottfried Fischer, weil die relativ ungefährlich sind. Und von uns senden die nichts. Deshalb gibt es auch die Schlusszeile in einem unserer Stücke: "Dieses Lied kommt im Bayerischen Rundfunk nicht." Das ist jedem Kleinbürger bei uns bekannt, dass das Fernsehen die Biermösl Blosn nicht bringt, genauso wie den Hans Söllner. Wir sind nicht BR-kompatibel, und das ehrt uns.

"Bayerische National-
hymnen verhunzen, das ist
unser Auftrag."

??? Nach der Baywa-Hymne gab es dann 1981 erneut Ärger um Euer "Nürnbergerlied"...

Hans: Damals gab es in Nürnberg eine Demonstration für das selbstverwaltete Jugendzentrum Komm, das geschlossen werden sollte. Daraufhin sind 130 Jugendliche von der Polizei verhaftet worden und länger als 24 Stunden ohne Kontakt zu ihren Eltern inhaftiert worden. Die haben nicht einmal telefonieren dürfen. Das war ein großer Skandal. Und ausgerechnet da hat uns jemand gefragt, ob wir beim Starkbieranstich in München spielen wollten - im Hofbräuhaus. Das war ein Ministerialbeamter, der uns engagiert hat, weil er uns von unseren unverfänglichen Auftritten mit der Familie kannte. Und da standen wir dann wirklich in der Höhle des Löwen: unter uns der Streibl, der damalige Finanzminister und spätere Ministerpräsident, der heutige Ministerpräsident Stoiber und Tandler, der damals als Innenminister für die Verhaftungen verantwortlich war. Und wir haben dann einen Text auf die heimliche bayerische Nationalhymne, das Räuber-Kneißl-Lied, gemacht. Die Schlusszeile war: Wir leben nicht in Südamerika. Drum: wer zuerst zuhaut und die Leute wegsperrt, "der tuat gar nie kein guat, drum Ihr zwei Minister, steht´s auf, sauft´s aus, und nehmt´s den Huat!" Das war natürlich ein Hammer. Das war, wie wenn Du in ein Wespennest reinlangst. Wir sind dann von der Bühne gegangen, und da haben dann schon die ganzen Presseleute auf uns gewartet.

??? Hat die Mischung von subversiven Texten zu urbayerischer Musik eigentlich eine Tradition?

Hans: Es wird zur Zeit eine CD wiederaufgelegt vom "Roiderjackl". Der war ein Sänger in den 50er und 60er Jahren, der unglaubliche gute Gstanzl gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik gemacht hat. Ein Gstanzl ist ein bayerischer Limerick, also ein abgeschlossener Gedankengang. Strauss war damals einer der Hauptbefürworter der Wiederbewaffnung. Und der Roiderjackl hat ihn im Bierzelt deswegen frontal angegriffen. Die Blosn knüpfen also nur an diese Tradition an.

??? Welche Rolle spielt das Brauchtum heutzutage für Bayern und die CSU?

Hans: Die CSU ist verwurzelt in alle Bereiche der Bevölkerung. Sie hat es geschafft, dass sie für die Menschen "Bayern" darstellt - ein ganz bestimmtes Bayern mit Hochglanzimage - obwohl es die Partei erst seit 40 Jahren gibt. Es gibt in Bayern aber noch eine ganz andere Kultur, die leider kaum wahrgenommen wird. Es gibt Schriftsteller wie Oskar Maria Graf und auf weltpolitischer Ebene den Lion Feuchtwanger. Das wird von der CSU aber absolut ignoriert. Der erste bayrische Ministerpräsident und Gründer des Freistaates Bayern, Kurt Eisner, war Sozialist. Doch im historischen Bewusstsein der hiesigen Bevölkerung ist meistens nur König Ludwig vorhanden. Und wenn einmal eine Dokumentation zu dem Thema im Bayerischen Fernsehen kommt, ist die natürlich verfälscht.

??? Wer engagiert Euch für Auftritte im Freistaat?

Hans: Manchmal auch CSU-Bürgermeister, die sind Pragmatiker. Die wollen, dass die Halle voll wird. Denn wenn das Bierzelt voll ist, wissen sie, dass die ganze Festwoche durch diese Einnahmen finanziert werden kann. Denn davon lassen sich auch die Hubschrauber- und Feuerwehrspritzvorführungen bezahlen, ohne in die Miesen zu kommen! Andererseits ist es eine gewisse Neugierde, weil wir für diese Leute irgendwie "anders" sind. Und trotz allem ist das auch so ein aufmüpfiges Element. Wenn jemand die Obrigkeit verspottet, muss der Spott halt gut sein. Und wenn der Witz stimmt, dann darf man viel sagen.
Michael: Die überwiegenden Anfragen kommen aber von Kulturämtern, Theatern und immer mehr Vereinen. Die Vereine haben von so volkstümlichen Sachen oft genug und merken, dass Kabarett und Kleinkunst eine gute Unterhaltungsform ist. Und wenn der Theaterverein oder Trachtenverein so etwas veranstaltet, geht auch wirklich jeder aus dem Dorf hin. Es ist für die Leute auch immer enorm beeindruckend, wenn so ein Zelt bis auf den letzten Platz gefüllt ist.

??? Macht irgendeiner hinterher nicht mehr sein Kreuz bei der CSU?

Hans: Sie hören sich bei uns bestimmte Themen an, die sie sich sonst nicht anhören. Und bestimmte Meinungen, die ihnen sonst weniger zu Gehör kommen. München ist als kulturelle Zentrale halt die große Ausnahme und wird rot-grün regiert.
Michael: Wenn man in der Provinz etwas werden will, dann muss man bei der Partei sein.

??? Ihr spielt bis heute überwiegend in Bayern, seid Mitte der 80er Jahre aber auch in der DDR aufgetreten?

Michael: Unsere Auftritte in der DDR fanden im Rahmen des deutsch-deutschen Kulturaustausches statt. Da waren wir 1985 zusammen mit Gerhard Polt eine der ersten Kabarettgruppen, die überhaupt dort gespielt haben. Beim ersten Mal waren wir in Leipzig, das zweite Mal in Halle, Dresden und Ost-Berlin. Und dann sind wir auch zum Kulturaustausch nach Island, Österreich und Südkorea gereist.

Drei Männer und eine
Quetschkommode:
Biermösl Blosn

??? Wie reagierte das Publikum dort auf Euer Programm?

Michael: In Südkorea waren sie etwas ratlos. Die waren überrascht, dass da jemand auf der Bühne sitzt, und etwas ohne technische Tricks zustande bringt. Drei Stühle, die Instrumente, die drumherum lagen, kein Bühnenbild. Das haben die nicht verstanden. In Island ging es uns ähnlich.

??? Wie viele Instrumente spielt Ihr auf der Bühne?

Christoph: Ich weiß gar nicht, wie viele das sind, vielleicht zwanzig. Vom Brummtopf über das Alphorn bis zum Akkordeon. Das Instrumentarium ist wie die Lieder dialekt-gefärbt. Die Instrumente machen unseren Sound regional erkennbar, stammen natürlich auch aus Bayern.

??? Ihr habt zuletzt bei einer Veranstaltung von Fans des TSV 1860 München gespielt - mit welchem Hintergrund?

Hans: Wir wollten, dass sich der Präsident Wildmoser verabschiedet...
Christoph: ...und der nächste Schritt ist dann, dass sich der FC Bayern auflöst...
Michael: ...an die Börse geht und abstürzt.
Hans: Im Grunde war es eine Veranstaltung für das alte Sechzger-Stadion in Giesing, denn eigentlich hat der Verein traditionell sein eigenes Stadion. Der Umzug ins Olympiastadion ist bei 1860 nur aus kommerziellen Gründen vollzogen worden. Alle Triumphe von 1860 haben im alten Stadion stattgefunden. Und die Infrastruktur ist vorhanden, es liegt mitten in der Stadt und bietet Platz für 30.000 Zuschauer, was dem aktuellen Zuschauerschnitt der Sechzger angemessen wäre.
Christoph: Es ist für die 1860-Fans ähnlich wie damals, als Bayern mit Preußen gegen Frankreich in den Krieg marschiert ist.

??? 1986 seid Ihr zusammen mit den Hosen in Wackersdorf aufgetreten...

Michael: Der erste Kontakt war in einem Theater in Berlin. Da haben der Kiki und sein Bruder ein Transparent aufgespannt: "Berliner Punks grüßen Biermösl Blosn".
Hans: In Wackersdorf haben wir uns dann persönlich kennen gelernt. Es ging bei dem Festival um eine Wiederaufbereitungsanlage, die in die Oberpfalz kommen sollte. Das hat Widerstand in der Bevölkerung gegeben - ähnlich wie im Wendland heutzutage. Bei dem Festival waren der Lindenberg, der Grönemeyer, lauter arrogante Säcke, die mit uns gar nicht gesprochen haben. Da waren die Hosen wohltuend anders.
Michael: Die haben damals im Fünf-Mann-Zelt hinter der Bühne geschlafen. Ende der 80er Jahre haben wir dann zum zweiten Mal zusammen gespielt - in einem Bierzelt in Plattling. Das war ein sehr gemischtes Publikum: viele junge Leute, die wegen den Hosen gekommen waren, und unser Stammpublikum friedlich vereint.

??? Waren Euch die Hosen vor Wackersdorf ein Begriff?

Michael: Die ganze Heino-Geschichte hatten wir intensiv verfolgt und uns drüber kaputtgelacht.
Hans: Heino ist schließlich einer von den Leuten gewesen, die aus der traditionellen Volksmusik kamen und somit ein Feindbild für uns waren. Diese volkstümliche Scheiße war uns schon immer sehr suspekt. Und diese Deutschtümelei von Heino sowieso.

??? 1990 habt Ihr die Musik zu "Willi - ein Verlierer" auf dem Hosen-Album "Auf dem Kreuzzug ins Glück" beigesteuert. Haben die Hosen auch auf einer Eurer Platten mitgewirkt?

Christoph: Ja, bei unserem Stück "Da boarisch Hiasl" auf der "Wo samma?"-CD. Der Hiasl war Mitte des 18. Jahrhunderts ein bayerischer Wilderer, ein Anarchist, ja, vielleicht der Ur-Punk. Da gibt es ein traditionelles Lied, das geht ungefähr so: "Ich bin der bayrische Hiasl, und kein Jäger hat den Schneid, mir meine Feder und den Gamsbart runterzuhauen." Für das Stück wollten wir einen härteren Sound anschlagen und haben die Hosen gefragt. Die haben gesagt: Klar, mit dem bayrischen Hiasl sind wir nachträglich solidarisch.
Hans: Der ist gevierteilt worden.

??? Was dürfen die Zuschauer im Burgtheater in Wien erwarten, wenn Ihr dort unter dem Motto "Abvent - Ein vorweihnachtlicher Abend" wieder mal mit den Hosen auftretet?

Michael: Das Programm wird ähnlich sein wie beim "Duell der Volksmusik" 1998 im Münchner Volkstheater. Unsere Auftritte haben immer einen starken Improvisations-Charakter, was sicher einen großen Reiz ausmacht. Es wird eine spannende Stimmung auf der Bühne herrschen, weil ja musikalisch etwas komplett Konträres aufeinander trifft. Es ist sicher nicht irgendein Theaterband, an dem ein Theaterstück uraufgeführt wird.
Hans: Es ist ein Versuch, dass man scheinbar nicht vereinbare Dinge zusammenführt. Dass endlich zusammenwächst, was zusammengehört.
Christoph: Der bayrische Hiasl ist der gemeinsame Nenner - und der gemeinsame Feind der FC Bayern.
Hans: Und eines können wir schon hier verraten: Wir werden von Wien aus einen Christstollen nach Afghanistan um die Welt schicken, als Symbol. Es geht ein Christstollen nach Kabul auf die Reise - ähnlich wie das Olympische Feuer. Dadurch wollen wir so eine gewisse Besinnlichkeit im Publikum herstellen...
Michael: Campino muss vorher aber noch ein bisschen üben, wenn er wieder zu seiner Trompete greifen will. Dass der Ton diesmal ein bisschen feiner, weihnachtlicher wird.


Mehr über die Biermösl Blosn:

Homepage: www.biermoesl-blosn.de

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