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Bela B. - Teil 1

"Auf die Ärzte kann sich irgendwie jeder einigen..."

Interview mit Bela B., Schlagzeuger und Sänger der Band "Die Ärzte" (Teil 1) (im November 2003) (Fotos: Hot Action Records)

??? Deutschland 2003: Wer vor 20 Jahren groß war, steht auch heute noch auf der Bühne. Und auch die schon vor zehn Jahren führenden Rockbands aus Deutschland sind immer noch am Start, die Ärzte und die Hosen. Eine merkwürdige Rolle für Dich?

Bela B.: Es kommt auch immer drauf an, wie man Rock definiert (lacht). Als wir angefangen haben, selbst Musik zu machen - und das geht ja mit den Hosen konform - da haben wir uns mit diesem Punk-Ding gegen bestehende Werte gestellt. Da fanden wir diese ganzen Dinosaurier-Bands furchtbar. Wir haben gesagt: "Die gibt es jetzt schon seit zehn, 20 Jahren, da muss jetzt mal jemand anders ran!" Jetzt gibt es allerdings meine Band und die Hosen auch schon über 20 Jahre, da stelle ich mir dann auch manchmal die Frage: "Was soll das? Warum sind wir noch da?"

??? Warum sind die Ärzte noch da?

Bela B.: Ich kann nur sagen: Es macht immer noch Spaß und wir haben den Freiraum, uns immer wieder neu zu entdecken und immer wieder neue Sachen zu machen. Parallel glaube ich, dass es besonders in den letzten 13 Jahren eine sehr negative Veränderung in der Musik gegeben hat und die Leute deshalb zur Zeit auf Sachen gucken, die ein bisschen Bestand haben. Die extremen Ticket-Verkäufe für Ärzte- und der Hosen-Konzerte zeigen ja, dass die Leute keinen Bock mehr haben auf irgendwelche zusammengecastete Bands, Casting-Shows und dieses ganze "Musik als Produkt"-Ding.

??? Muss man in diesem Zusammenhang nicht auch die Onkelz nennen?

Bela B.: Da muss man leider auch die Onkelz nennen. Ich weiß von den Ärzten und den Hosen, dass sie eine sehr eigene Meinung haben zu dem Thema. Ich habe mich damit ausführlich auseinandergesetzt, habe auch in meinem Bekanntenkreis Onkelz-Fans, zumindest Leute, die die Onkelz mehr akzeptieren oder tolerieren, als ich das tue. Bei den Onkelz ist das halt dieses Durchbeiß-Ding: Die armen, geschundenen Straßenköter, auf denen immer rumgetreten wird. Und damit können sich halt ewig viele Leute identifizieren. Möglicherweise existiert da – bei Ärzten, Hosen und Onkelz – nach wie vor das gleiche Identifikationspotential wie vor zehn, 15 Jahren. Nur dass die Frankfurter in gewissen Szenen immer noch gut von ihrer Vergangenheit profitieren und das billigend in Kauf nehmen.

??? Liegt es auch daran, dass keine Nachwuchsbands dazu stoßen?

Bela B.: Jede erfolgreiche, deutsch singende Band hat ihre Epigonen hervorgebracht, die dann aber oftmals maximal zwei Alben veröffentlicht haben. Ich glaube, es liegt eher daran, dass es nicht sehr viele Bands gibt, die sich was Eigenes trauen. Wichtig ist meistens auch, das es Gegenpole in den Bands gibt, die sich ergänzen und inspirieren. Das war ein Riesenglück, dass sich Farin Urlaub und Bela B. vor 21 Jahren in einer Disco über den Weg gelaufen sind – und sicherlich auch, dass sich Kuddel und Campino irgendwann kennen gelernt haben. So etwas passiert nicht all zu häufig.

??? Gibt es auch Ausnahmen von der Regel?

Bela B.: Ich habe mir gestern erst eine Platte von einer Band angehört, die es schon ein paar Jahre gibt, die aber kaum einer kennt: Schrottgrenze. Die haben als totale Proll-Punk-Band angefangen, machen jetzt schon Musik, die teilweise in Richtung "Hamburger Schule" geht. Die haben auf jeden Fall ein super Potential, schreiben super Songs und super Texte. Aber aus irgendeinem Grund geht es bei denen nicht weiter. "Wir sind Helden" werden sicher noch viel grösser als sie jetzt schon sind und ich wünsche Ex-Selig Sänger Jan Plewka, dass er seinen Widerpart zum Musik machen findet, weil in ihm viel mehr steckt als das traurige Liedermacherzeugs was er zur Zeit rausbringt.

??? Ist es vielleicht heute einfach schwieriger, sich als Band zu etablieren?

Bela B.: Ich habe letztens mit Grausen festgestellt, dass es eine Band wie Scooter jetzt auch schon 13 Jahre gibt. Das hätte ich mir damals nicht träumen lassen! Ich denke, das hat etwas mit dem Überangebot an Medien zu tun. Jede Musik-Nutte, die alles mit sich machen lässt und immer schön am Trend produziert, bekommt da ihr Forum, weil es zu viele Portale für Berufsprominente gibt. Die Plattenfirmen hoffen eher auf die schnelle Mark, äh Euro, und überschwemmen den Markt mit Schrott. Daraus resultierend verliert der Fan – zu recht - den Respekt vor der Musik und brennt sich die CDs, statt sie zu kaufen. Der Tonträgermarkt bricht zusammen und es bleibt kein Geld mehr um Bands aufzubauen.

??? Gibt es also gar keine Hoffnung für den deutschen Rocknachwuchs?

Bela B.: Ich habe festgestellt, dass immer mehr Leute in Konzerte rennen. In schöner Regelmäßigkeit zum Beispiel spielen in Hamburg, wo ich ja seit ein paar Jahren lebe, Motörhead in den "Docks". Das war seit zehn Jahren nicht ausverkauft. Aber in diesem Jahr gibt es schon Wochen vorher keine Karten mehr! Das sehe ich als ein gutes Zeichen! Die Leute wollen wieder mehr Spektakel, wollen Musik wieder erleben. Und wenn dann Bands bereit sind, von der Hand in den Mund zu leben, über die Dörfer zu ziehen und sich den Arsch abzuspielen, wird das irgendwann zum Erfolg führen. Ich hoffe, es ist bald wieder so, dass Musiker von Fans sprechen und nicht von einer Zielgruppe, und eine Tour wichtiger ist als eine Kampagne.

??? Ihr merkt den Boom natürlich auch selbst. 2004 werdet ihr gleich dreimal in der Berliner Wuhlheide spielen. Welchen Stellenwert haben die Ärzte mit dem aktuellen Album "Geräusch" erreicht?

Bela B.: Wir sind seit ein paar Jahren so was ähnliches wie unangreifbar geworden, was wir mit unserer Biographie manifestiert haben. Auf die Ärzte kann sich irgendwie jeder einigen. Es gibt in diesem Land sonst wie viele Menschen, die mit uns groß geworden sind, die mit uns ihren Musikgeschmack geprägt haben oder die zu uns vielleicht auch jahrelang – wie manche Hosen-Fans – eine Art Hass-Liebe pflegten. Uns kennen in diesem Land irre viele Leute, mehr als letztendlich unsere Platten kaufen. Irgendwie scheint es für das Leben eines musikinteressierten Menschen in Deutschland dazuzugehören, mindestens einmal auf einem Konzert von uns gewesen zu sein. Wir wissen gar nicht mehr, wie viele Konzerte wir noch spielen sollen (lacht).

??? Campino hat neulich in einem Interview gesagt, dass ihm manche Texte aus den Anfangstagen heute peinlich sind. Wie sieht das bei Euch aus?

Bela B.: Es gab relativ früh in der Geschichte der Ärzte einen Song, der einen Teil des Spektrums unserer Musik darstellt: "Paul, der Bademeister". Das war purer, fatalistischer Spaß und ging natürlich auch gegen die damalige Fun-Punk-Bewegung. Wir haben im Gegensatz zu den Hosen oder den Mimmi´s nie über Alkohol gesungen. Doch dieser Song war uns schon ein Jahr nach der Veröffentlichung dermaßen peinlich, dass wir ihn nicht spielen wollten. Heute ist er so was wie der Lieblings-Hass-Song der Band. Manchmal fangen zwei von uns an "Paul" zu spielen, nur um den Dritten zu ärgern - und das vor Publikum, versteht sich. Der Song, der uns leider am meisten nachhängt, ist "Männer sind Schweine", der auch unser größter Hit war.

??? Würdet Ihr "Männer sind Schweine" noch einmal schreiben?

Bela B.: "Männer sind Schweine" ist ein Song, auf den wir nach wie vor stolz sind. Da haben wir alle möglichen Sachen reingepackt, zum Beispiel im Abspann einen indizierten Song von Slime zitiert. Obwohl total Ärzte-mäßig, ist der Song ein Riesenhit geworden, und dann leider von der DJ Bobo- und DJ Ötzi-Fraktion annektiert worden. Er war am Ballermann und auf dem Münchener Oktoberfest der Nummer-eins-Hit. Da haben wir uns gesagt: Den Song hat uns das Publikum weggenommen, den werden wir nicht mehr spielen.

??? Habt Ihr es ansonsten schon mal bereut, einen Song veröffentlicht zu haben?

Bela B.: Wir haben jetzt 15 reguläre und drei Live-Alben raus, etwa 200 Songs auf der hohen Kante, von denen wir zwangsläufig nicht alle spielen können. Da sind natürlich auch einige Stücke dabei, die wir aus sehr naiven Grundgedanken heraus geschrieben haben. Viele Texte spiegeln die Zeit wieder, in der sie geschrieben worden sind, z.B. die Texte von mir, die sich um irgendwelche Drogenthemen drehten. Da gibt's dann auch schon mal Songs, bei denen wir heute sagen: "Das war nicht unbedingt notwendig, den zu veröffentlichen!" Aber damals musste das wohl sein, nur spielen müssen wir den ja deswegen nicht mehr.

??? Wie bewertest Du die Entwicklung der Ärzte und der Hosen in den letzten 20 Jahren?

Bela B.: Was den Ärzten gut getan hat, waren diese fünf Jahre Pause, in denen Farin und ich eine extreme Entwicklung durchgemacht haben. Wir hatten beide eigene Bands, in denen wir Bandleader waren und fast die alleinige Verantwortung trugen. Das bewusste Auseinandersetzen mit dem Geschäft und mit Plattenfirmen haben die Hosen immer nur innerhalb der Band gemacht, die Gang, die irgendwann auch Geschäftsleute geworden sind.
Apropos: Ich empfinde die Hosen, wenn ich sie privat treffe, als ernsthafter, als wir das sind. Manchmal könnten sie irgendwie lustiger sein! Ansonsten sind die Parallelen hauptsächlich, dass es beide Bands genau gleich lange gibt, dass wir in unserer Muttersprache singen und dass wir ein ähnliches Publikum anziehen.

??? Wo sind die Unterschiede in der Musik?

Bela B.: Musikalisch haben wir uns immer aus einem viel größeren Radius der Musikgeschichte bedient, während die Experimente bei den Hosen relativ klein gehalten wurden. Es gab natürlich auch bei denen Versuche Richtung Swing oder ganz, ganz früher mit HipHop. Die Hosen sind irgendwie die gradlinigere Band, und wir sind die überraschendere Band. Wobei Überraschungen bei uns erwartet werden, während "Warum werde ich nicht satt" bestimmt viele Hosen-Fans verblüfft hat.

??? Eine Gemeinsamkeit ist, dass beide Bands seit Jahren mit demselben Produzenten zusammenarbeiten, Ihr mit Uwe Hoffmann, die Hosen mit Jon Caffery. War das wichtig, um immer wieder den typischen Ärzte- bzw. Hosen-Sound zu treffen?

Bela B.: Die Wahl von Jon Caffery haben wir damals nachvollziehen können, weil Jon Caffery ja als Toningenieur bei der Aufnahme der ersten Sex Pistols-Platte dabei war. Und so einen Mann hätten wir am Anfang natürlich auch gerne gehabt. Wir haben dann zum vierten Album Uwe Hoffmann gefunden, und es stimmte plötzlich alles. Er hat uns verstanden und wusste mit den verschiedenen Charakteren der Band umzugehen. Weil die Ärzte eben nicht so gradlinig sind, weil da eben sehr viele spontane Sachen passieren, ist es für uns sehr wichtig, einen Mann zu haben, der die Band schon gut kennt, der sich auf uns einstellt und einfach weiß, wie wir ticken. Der bekommt dann im Gegenzug volles Vertrauen von uns, entscheidet mit, welche Stücke hinterher auf das Album kommen und welche nicht, etc.

??? Habt Ihr also wirklich nie daran gedacht, auch mal mit einem anderen Produzenten zu arbeiten?

Bela B.: Das Problem bei einen fremden Produzenten wäre bei so gewachsenen Geschichten wie bei den Ärzten oder Hosen, sich von außen etwas sagen zu lassen, egal ob es um die Reihenfolge oder das grundsätzliche Auftauchen eines Stücks auf dem Album geht. Das sind wichtige Prozesse, und dafür muss man den, mit dem man arbeitet, einfach kennen. Wir mögen – und das ist bei den Hosen sicher genauso – dieses Familiending, also dass Leute, mit denen wir einmal erfolgreich gearbeitet haben, weiter mit uns arbeiten. Unser Lichtmann ist zum Beispiel seit 18 Jahren bei den Ärzten, und es gibt viele Leute, die seit über zehn Jahren für uns arbeiten.

??? Ist der große Unterschied zwischen Ärzten und Hosen die Bandstruktur? Auf der einen Seite die Ärzte als drei Individuen, auf der anderen die Hosen, die sich bis heute als Gang definieren?

Bela B.: Das ist auf jeden Fall ein großer Unterschied, und das merkt man auch an den Songs. Bei den Autorenangaben unter einem Hosen-Song liest man zum Beispiel von mehr Zusammenarbeit, als das komischerweise bei uns der Fall ist. Woran das liegt weiss ich nicht. Farin und ich haben uns in einer Disco kennen gelernt, ich habe ihn damals in meine Punk-Band geholt: Soilent Grün. Danach haben wir zusammen die Ärzte gegründet, weil wir eine gemeinsame Vision hatten. Wir sehen uns natürlich auch privat, aber weil wir so dermaßen viel zusammenhängen, wenn wir mit einem neuen Album zu tun haben, ist es nicht wirklich notwendig, dass wir auch noch zusammen in den Urlaub fahren. Bei den Hosen ist der Familiengedanke viel extremer als bei uns, nehme ich an. Wenn man in einer Band spielt, leidet schon das gemeinsame Privatleben. Man geht dann nicht mehr so oft zusammen ins Kino oder Essen. Dafür ist dann immer noch Zeit, wenn wir wieder drei Monate auf Tour sind.

??? Ein Vorgänger von Rod bei den Ärzten hieß bekanntlich Sahnie, was eine Parodie auf Campino war. Das war in den 80ern, als die Ärzte immer als die Mädelsband und die Hosen als Jungsband galten. Hat Dich das gestört?

Bela B.: Überhaupt nicht. Was mich gestört hat, war dieser Ausverkauf-Vorwurf und dieses Kommerzschweine-Ding, was auch aus Düsseldorf gegen die Ärzte rüberdrang. Wir waren die Ersten, die in der BRAVO standen, weil wir einen ganz anderen Ansatz hatten. Wir haben uns ja damals als Parodie verstanden, als Parodie auf Popmusik, auf festgefahrene Sachen. Die Texte, die wir am Anfang geschrieben haben, waren ja nicht nur ironisch, sondern die richteten sich ja auch gegen die Szene, aus der wir kamen. Bei meiner früheren Band Soilent Grün gab es diese Diskrepanz aus Spaß-Texten und wirklich hohlen Polit-Parolen-Texten. Diese Szene ging uns mit den Ärzten total auf die Nerven. Und weil keiner von uns aus Kreuzberg kam, hatten wir oftmals Stress, was wir total albern fanden.

??? Und Du warst für die nicht "wirklich Punk"?

Bela B.: Ich komme aus dem Stadtteil Spandau und konnte deshalb aus der Sicht Einiger kein Punk sein. Das hat uns geärgert, deshalb haben wir uns dagegen gestellt, und in der Zeit kam eben die BRAVO auf uns zu – und dann haben wir dieses Spiel mitgespielt. Wir haben dabei zwar fast nie die Kontrolle verloren, mussten uns aber natürlich auch dem Ausverkauf-Vorwurf stellen. Weil Punk aber auch immer irgendwie "Anti" bedeutete, und sei es gegen die eigene Szene, hatten wir damit weniger Probleme.

??? T.V. Smith hat einmal gesagt, dass er niemals in einem Stück das Wort "Baby" singen würde. Das ist für die Ärzte, die nach wie vor mit Fun-Punk in Verbindung gebracht werden, wahrscheinlich komplett unvorstellbar...

Bela B.: Wir brechen unsere eigenen Dogmen auch immer wieder, haben 1998 z.B. zum ersten Mal ein Lied über das Saufen gemacht. Ich hatte zwar in dem Stück "Tittenmaus" auch schon mal gesungen: "Ich geb Dir einen Jack Daniel´s aus", aber wir haben nie den Alkohol verherrlicht oder ein sogenanntes Sauflied aufgenommen. Das ist allerdings eine Disziplin, in der die Hosen sehr gut sind und eigentlich auch unerreicht. Bei den Hosen klingt es halt wirklich wie eine Gang, während es sich bei vielen anderen Bands einfach nur noch prollig anhört.

??? Warum habt Ihr Euer Dogma in der Hinsicht gebrochen?

Bela B.: Die Tatsache, dass Antialkoholiker Farin Urlaub mit einem Trinkerlied daherkam, war so absurd, dass wir den Song aufnehmen mussten. Ein Stückweit war es natürlich auch ne Provokation Richtung Düsseldorf, was vor allem viele Fans so verstanden haben. Als wir das Lied allerdings einmal live gespielt haben, haben große Teile des Publikums den Text mitgegröhlt und dazu geschunkelt. Da wussten wir, das unsere Ironie nicht immer verstanden wird (lacht). Ich hätte das Stück auch gerne auf dem Album gehabt, aber speziell Farin wollte das nicht. Also haben wir es auf die B-Seite von "Männer sind Schweine" gepackt, und die haben mehr Leute gekauft, als das Album (lacht).

??? Du hast im St. Pauli-Fanzine "Übersteiger" gesagt: "Die Hosen sind wichtig, denn so gibt es im Betroffenheitsrock wenigstens eine Punk-Band."

Bela B.: Das ist natürlich wenig schmeichelhaft für die Hosen. Da muss ich aber zur Verteidigung der Hosen und zu meiner eigenen sagen, dass mir zu dieser Zeit einige Texte von Campino ziemlich auf den Zeiger gingen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass jetzt auf jedem ihrer Alben Texte gegen Kindesmisshandlung drauf kommen. Das mit den Drogen hatte ich ja noch verstanden, weil ich den Lebensstil der Jungs, wie er zumindest große Teile der 90er hindurch war, ja kannte. Ich fand, dass der Humor fast völlig aus der Musik der Hosen verschwand. Andererseits stehe ich natürlich zu meiner Aussage: Bevor sich 16-Jährige irgendwelche alten Lindenberg-Platten rausholen oder sich pseudo-kryptische Texte von Westernhagen übersetzen, sollen sie sich doch wirklich lieber die Hosen anhören. Da ist wenigstens Kraft dahinter. So was wie die Wut der Straße, wenn ich mal so sagen darf.

??? Zum Hosen-Stück "Sascha" hast Du gesagt, dass der "zu 'ner Art Kultsong in Nazi-Jugendheimen" avanciert sei - "weil die Kids dort sagen: Ja, so cool, so bin ich."

Bela B.: Das ist mir so überliefert worden. Ich habe gehört, dass der Song vereinzelt von solchen Kids abgefeiert worden ist. Dazu muss ich aber gleich anmerken, dass unserem Anti-Nazi-Song "Schrei nach Liebe" etwas Ähnliches auch passiert ist. Da haben die Leute dann statt "Arschloch" "Sieg Heil" gerufen. Das wurde uns zumindest in Briefen und E-Mails geschrieben. Es ist mir völlig klar, dass nach rechts tendierende Jugendliche, die nicht in der Großstadt leben, in ihrem fehlgeleiteten Kopf zuallererst mal harte Musik hören wollen, dann deutschsprachige Musik und dann kriegt man bei "Radio Müller" in Kleinkrempelsdorf halt nur drei Bands zu kaufen. Die Band, die sich zu dem Thema am wenigsten geäußert hat, ist ja bei den Jungs auch am beliebtesten, das sind die Onkelz. Ich weiß aber auch, dass es rechtgerichtete Jugendliche gibt, die Hosen und Ärzte hören, einfach weil wir deutsch singen. Vielleicht dringt bei einigen ja die eine oder andere Message durch?!

??? Wie unterscheidet sich "Sascha" von "Schrei nach Liebe"?

Bela B.: Dass der Song "Sascha" definitiv gut gemeint war und den Leuten etwas Rückenwind gegeben hat, die zu der Zeit in der Antifa gegen die Ausschreitungen, die Pogrome gekämpft haben, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Aber ich persönlich finde, auch wenn das aus meinem Mund etwas anmaßend klingt, dass "Schrei nach Liebe" der eindeutigere und bessere Song ist. Man muss das aber nicht unbedingt vergleichen, denn ich finde, dass es eigentlich noch viel zu wenige Anti-Nazi-Songs gibt. Es ist auch unglaublich schwierig, einen solchen zu verfassen. Ich weiß noch, wie lange wir an "Schrei nach Liebe" gesessen haben. Und Campino hat "Sascha" ja auch nicht alleine geschrieben. Es ist wahnsinnig schwierig, etwas zu dem Thema zu sagen, was nicht peinlich oder dogmatisch ist und einen gleich in so eine Zeigefinger-Ecke stellt. Wenn man als Oberlehrer auftritt, erreicht man ja keinen mehr, dann sagen alle: "Was ist das denn für ein Spießer?" Viele Kids gesellen sich doch hauptsächlich zu den Braunen, um aufzubegehren, zu rebellieren. Da kommst du mit der Lehrernummer nicht weit.

??? Im Interview für den "musikexpress" hast Du Campino damit konfrontiert, dass er seine Musik mal in einem Fanzine als "Prollrock" bezeichnet hat. Ist das auch Deine ganz persönliche Meinung über die Hosen?

Bela B.: Ich wollte natürlich auch kritisch sein in so einem Interview. Letztendlich wollte ich damit rauskitzeln, wo der rote Faden bei den Hosen ist: "Was seid Ihr jetzt? Seid Ihr die Band fürs Volk?" Campino hat tatsächlich mal in einem Punk-Fanzine seine Musik als "terrace rock" bezeichnet. Das habe ich dann als "Prollrock" übersetzt. Musik, die die Hooligans oder Fußballanhänger auf den Rängen im Stadion singen, ähnlich wie Sham 69, wenn die noch jemand kennt. Aber ich finde, dass viele Songs auf dem letzten Album "Auswärtsspiel" ganz anders klingen, gar nichts mit "terrace rock" zu tun haben.

Hier geht's weiter zum zweiten Teil des Interviews mit Bela B.!