"Punk hat seinen Platz gefunden"
Interview mit Arturo Bassick, Sänger der Punk-Legende The Lurkers (im Oktober 2002)
??? In dem Stück "Graue Panther" singt Campino, dass man als junger Punk über
das Schweinesystem geschimpft und die Revolution beschworen hätte. Heute ("wenn
wir Altpunks uns mal treffen") habe sich das zugunsten von Rheuma und Hodenkrebs
verschoben. Sind das wirklich Eure bevorzugten Gesprächsthemen?
Arturo Bassick: Ja, und Kopfschmerzen und "bad legs" (lacht). Die Wahrheit ist:
Ich habe mit den Lurkers nie über Revolution gesprochen. Es waren eher Spaßtexte
oder persönliche Geschichten, die wir aufgeschrieben haben. Es hätte nie einen Song
mit dem Titel "Fuck The Government" von uns gegeben, selbst wenn das unserer Meinung
entsprochen hätte.
??? Was war der auslösende Moment, die Lurkers 1976 zu gründen?
Arturo Bassick: Pete Stride und Manic Esso haben die Band gegründet und hatten
die ersten sechs Monate einen anderen Bassisten, Nigel Moore. Sie hatten bereits
zwei Konzerte gespielt, als ich Moore 1977 ersetzt habe. Warum ich das gemacht habe?
Ich hatte damals die Wahl, einen richtigen Beruf zu ergreifen oder mich mit der
Band regelmäßig zu betrinken und Spaß zu haben. Das war der Hauptgrund, warum ich
mich ihnen anschloss (lacht). Ich mochte aber natürlich auch die Punk-Musik dieser
Zeit, vor allem die Sex Pistols und The Damned. Und es war wirklich großartig für
einen 20-Jährigen, Teil dieser Szene werden zu können. Ich hatte auch schon vorher
viel Musik angehört, aber das war die erste Musik, die ich auch selbst spielen konnte.
Es war auf einmal möglich, in einer Band mitzuspielen, ohne ein großartiger Musiker
sein zu müssen.
??? Du warst Mitglied der Lurkers, als die ersten beiden Singles erschienen...
Arturo Bassick: "Shadow" hieß die erste, "Freak Show" die zweite, beide erschienen
1977. Ich habe die Band im November dieses Jahres aber schon wieder verlassen - um
1987 zurückzukehren, als Campino die Lurkers fragte, ob sie in Düsseldorf spielen
wollten. Der Grund, warum ich die Band nach nur sieben Monaten wieder verließ, war,
dass ich zu der Zeit eine Menge von Stücken schrieb, die einfach nicht zu den Lurkers
passten.
??? Die Lurkers galten 1977 als Londons Antwort auf die Ramones...
Arturo Bassick: Eine Menge von Leuten hat das gesagt. Ich glaube aber nicht,
dass das hundertprozentig stimmte. Die Lurkers waren viel abwechslungsreicher als
die Ramones, haben guten melodischen Punk-Rock gespielt, der eher in Richtung New
York Dolls ging. Ich will aber keinesfalls leugnen, dass die Ramones uns entscheidend
beeinflusst haben. Ich habe die Ramones 1977 zum ersten Mal live gesehen, und dann
immer wieder, Jahr für Jahr, wenn sie nach England kamen.
??? Wie kam es zur Gründung Deiner eigenen Band Pinpoint?
Arturo Bassick: Ich wollte die Songs, die ich geschrieben hatte, natürlich trotzdem
auf der Bühne umsetzen - und wenn das mit den Lurkers nicht möglich war, dann eben
mit einer eigenen Band. Deshalb gründete ich "Pinpoint", und unsere erste Single hieß
"In Richmond". Das Stück haben die Hosen ja auch auf dem "Learning English"-Album
gecovert. Pinpoint gab es insgesamt drei Jahre lang, und ich habe dort Gitarre gespielt.
Wir sind damals mit vielen Bands dieser Zeit aufgetreten: Adam And The Ants, Generation X,
The Lurkers, 999, The Ruts oder The Members.
??? Wann war Deiner Meinung nach die erste große Phase des Punks vorüber?
Arturo Bassick: Punk ist auch heute nicht vorbei, oder? In den frühen 80er Jahren
war es allerdings sehr schwierig. Das Wort "Punk" war in England nur noch sehr selten
zu hören. Jeder hat gedacht, es wäre vorbei damit, aber dann kam es irgendwie zurück.
Heute ist Punk-Rock einfach eine andere Form von Musik, so wie Jazz, Blues oder Klassik
es schon vorher waren. Und wer den Punk-Sound mag, für den ist er nach wie vor auch
eine gute Möglichkeit, sich auf der Bühne auszudrücken. Punk hat seinen Platz gefunden.
??? Hast Du damals mit den Lurkers und Pinpoint auch außerhalb von England gespielt?
Arturo Bassick: Die Lurkers haben ein paar Konzerte in Amerika und Deutschland
gespielt, als ich sie bereits verlassen hatte. Erst 1987, als ich als Sänger wieder
einstieg, sind wir dann auch im restlichen Europa, Südamerika und in Japan aufgetreten.
Es dauerte halt seine Zeit, bis uns der Rest der Welt in Sachen Punk eingeholt hatte.
Länder wie Brasilien mussten sich erst von der Diktatur befreien, bevor sie solche
Musik überhaupt hören konnten. Es gibt gerade dort heute sehr viele junge Leute, die
den alten Kram mögen, weil es für sie etwas völlig Neues ist.
??? Die Hosen spielen mittlerweile auch in Buenos Aires in ausverkauften Hallen.
Lässt sich die aktuelle Musikszene in Argentinien ein bisschen mit dem England der
Endsiebziger vergleichen?
Arturo Bassick: In Argentinien basiert wohl sehr viel darauf, dass die Ramones
dort so beliebt waren. Das ganze Land muss geweint haben, als Joey und Dee Dee
gestorben sind! Joey and Dee Dee, Rest in Peace! Punk ist für die Menschen in
Argentinien und Brasilien etwas ganz Neues. Man trifft dort auch keine alten Punks
wie mich, die schon in der ersten Phase dabei gewesen sind. Es ist eher eine Art
von Lernprozess, der dort abgeht.
??? Wer hat Eure Tour in Südamerika möglich gemacht?
Arturo Bassick: Man weiß in der Musik einfach nicht, was hinter der nächsten Ecke
auf einen wartet. Ich habe eines Tages einen Anruf bekommen, dass uns jemand nach
Südamerika einladen wolle. Es stellte sich heraus, dass es sich um einen alten Fan
handelte, der es zu etwas Geld gebracht hatte. Er hat uns dann im letzten Jahr
einfliegen lassen, ein paar Konzerte organisiert, es war unglaublich. Wir haben in
Sao Paulo sogar eine Live-LP aufgenommen. Das Publikum war natürlich sehr jung, im
Schnitt unter 25 Jahren.
??? Hattest Du ein Problem damit, dass Du der Vater einiger dieser Kids sein
könntest?
Arturo Bassick: Musik ist zeitlos. Es spielt keine Rolle, ob Du älter bist,
teilweise doppelt so alt wie einer von den Typen im Publikum. Ich habe mir auch
schon Musik aus dem 16. Jahrhundert angehört, und diese Komponisten sind lange
tot. Mich interessiert es einfach nicht, wie alt eine Band ist und wie sie aussehen -
dick, dünn oder mit Bärten - wenn ich ihre Musik mag. Leider spielt das Image einer
Band heutzutage viel zu oft eine größere Rolle als der Inhalt.
??? Du hast die Hosen zum ersten Mal mit den Blueberry Hellbellies auf Tour begleitet?
Arturo Bassick: Das war 1985. Ich hatte mir nach Pinpoint ein paar Jahre Ruhe
gegönnt, bevor ich begann, mit den Blueberry Hellbellies Country-Punk zu spielen.
Bei einem Konzert in Düsseldorf habe ich damals Campino kennen gelernt. Und er hat
mich sofort darauf angesprochen, dass er gerne ein Konzert mit den Lurkers veranstalten
würde. Im März 1987 haben wir das Konzert dann wirklich gespielt - im Haus der Jugend
in Düsseldorf. Und es kamen sehr viele Leute dahin, was wohl auch daran lag, dass
Campino überall sehr gute Werbung für uns gemacht hatte. Die Hosen organisierten das
komplette Konzert, Andi entwarf T-Shirts, und Breiti hat dabei auch einen sehr guten
Job gemacht.
??? Ende der 80er erschien unter dem Titel "Wild Times Again" sogar ein
Lurkers-Album auf dem damaligen Label der Hosen, bei Totenkopf...
Arturo Bassick: Campino kam damals mit der Idee an, dass sie mit ihrer Firma
ein neues Lurkers-Album finanzieren würden. Das war der Hauptgrund, die Band wieder
zusammen zu bringen. Wir haben das Album mit Pat Collier von den Vibrators und Campino
in London aufgenommen.
??? Welche Erinnerung hast Du an die erste Tour mit den Hosen?
Arturo Bassick: In erster Linie erinnere ich mich daran, dass wir immer komplett
betrunken waren (lacht). Und wir hatten natürlich immer sehr viel Spaß. Das war die
Zeit, als die Hosen noch so um die 500 Zuschauer zogen. Ich war später aber auch noch
öfter mit den Hosen unterwegs, weil ich auch bei 999 gespielt habe. Mit John Plain
(The Lurkers, The Boys) und Darryl Bath (Cry Babies, U.K. Subs) hatte ich zwischendurch
auch mal eine Band, die Towerblock Rockers, und war so auch 1989 mit den Hosen auf Tour.
??? Mit welchem dieser gemeinsamen Konzerte verbindest Du besondere Erinnerungen?
Arturo Bassick: Wir haben mit 999 im Jahr 1992 auf der Loreley gespielt, zusammen
mit Wreckless Eric, Vibrators und den U.K. Subs. Das war wirklich ein ganz besonderes
Konzert für mich. Das Festival stand natürlich in Zusammenhang mit dem
"Learning English"-Album.
Bei den Aufnahmen zum "Learning English"-Album
??? Wann hast Du zum ersten Mal von der Idee für dieses Album gehört?
Arturo Bassick: Die Hosen haben mich angerufen, dass sie ein solches Album machen
wollen. Sie wussten, dass ich mit den meisten alten Punk-Bands in Kontakt stand. Sie
baten mich, dass ich das Ganze ein wenig koordiniere und den Kontakt zu Captain Sensible,
Charly Harper, Knox oder T.V. Smith herstelle, die zusammen mit Campino für den
zweistimmigen Gesang sorgen sollten. Und wir haben das Stück "In Richmond" für die
Rückseite der "Baby, Baby"-Single aufgenommen.
??? Das Album "Learning English, Lesson One" wäre also ohne Deine Mitwirkung nie
rausgekommen?
Arturo Bassick: Es wäre etwas übertrieben, das zu behaupten. Es war für die Hosen
nur viel einfacher, jemanden in London zu haben, der die Studiotermine vor Ort
koordinieren konnte. Ich hatte die ganzen Telefonnummern, die sie brauchten, und
einige von den alten Punk-Rock-Sängern hatten ja auch noch nie etwas von den Hosen
gehört. Ich habe ihnen das Projekt dann am Telefon erläutert, und sie waren hinterher
alle glücklich, dabei sein zu können. Ich habe letztendlich alle Kontakte besorgt,
bis auf die von Johnny Thunders und Joey Ramone.
??? Wenn Du zu der Zeit in England gefragt wurdest, wer die Hosen sind, was hast
Du geantwortet?
Arturo Bassick: Dass sie eine Pop-Punk-Band sind und sehr, sehr groß in
Deutschland. Ich habe sie als die "Spaßvögel des deutschen Punks" bezeichnet. Und
dass sie eine große Palette an Leuten erreichen, im Fernsehen gezeigt werden und
die ganze Zeit lustige Sachen machen. Und ich habe auch berichtet, dass sie in
Deutschland einfach jeder kennt - auch wenn sie nicht von allen gemocht
werden.
??? Du hast hinterher gesagt, dass einige Stücke als Coverversion mehr Kraft
hatten als in der ursprünglichen Version...
Arturo Bassick: Die Aufnahmetechnik hatte sich in der Zwischenzeit einfach
unheimlich verbessert. Manche Originale waren Ende der 70er Jahre unter
semiprofessionellen Bedingungen in vielleicht zwei Stunden eingespielt worden.
Für die Aufnahmen zu "Learning English" haben wir wohl etwa drei Wochen gebraucht -
und dann sind die Hosen zurück nach Deutschland gefahren, um alle Songs mit Jon Caffery
abzumischen. Ich kenne viele Leute aus der englischen Punk-Szene, denen die Platte
wirklich sehr gut gefallen hat. Und auf jeden Fall waren die Hosen hinterher als
Band auch in England ein Begriff.
??? Durch das Album wurden Bands wie die Lurkers einem größerem Publikum in
Deutschland bekannt. Habt Ihr dadurch auch mehr Platten verkauft als vorher?
Arturo Bassick: In Deutschland muss man dauerhaft im Fernsehen und in den
Zeitschriften vertreten sein, um viele Platten verkaufen zu können. Und wir hatten
auch keine große Plattenfirma in unserem Rücken, die für die nötige Präsenz hätte
sorgen können. Es gab bestimmt ein paar Leute, die sehr genau registriert haben,
dass die Hosen die Lurkers mögen. Das brachte aber überhaupt nichts, solange sie
unsere Musik nicht auch in ihren Plattenläden finden konnten. Und dann haben sie
das Interesse an uns eben schnell wieder verloren. Wir hatten als Band sicherlich
eine gewisse Reputation, waren aber nie annähernd so bekannt wie die Hosen. Als ich
die Hosen zum ersten Mal auf einer großen Bühne sah, habe ich gedacht: "Glückliche
Bastarde!" (lacht).
??? Wie ging es mit den Lurkers in den 90er Jahren weiter?
Arturo Bassick: Wir haben jedes Jahr 70 bis 100 Konzerte in Italien, Spanien,
Frankreich und in anderen europäischen Ländern gespielt. 1997 war aber erst mal
wieder Schluss mit den Lurkers. Ich war dann eher mit 999 unterwegs. Seit sechs
Monaten habe ich aber wieder eine neue Besetzung für die Lurkers zusammen, so dass
wir auch wieder live spielen können. Und wir denken über eine neue Platte nach, die
Anfang nächsten Jahres aufgenommen werden soll.
??? Wo hast Du Vom kennen gelernt?
Arturo Bassick: Ich kenne ihn schon seit vielen Jahren, aus Zeiten, als er bei
Dr. And The Medics spielte. Er hing halt wie wir alle in der Szene in London rum -
in der harten Trinker-Szene (lacht). Ich wusste, dass er in Düsseldorf lebt, und
es hat mich nicht überrascht, dass er bei den Hosen gelandet ist. Ich habe mich
wirklich sehr für ihn gefreut. Das letzte Mal, dass ich mit den Hosen gespielt habe,
war 1998, für das Album "Wir warten auf´s Christkind". Ich war mit ihnen im Studio
und habe das Stück "I Wish It Could Be Christmas Every Day" mit eingesungen.
??? Was bedeutet Dir die aktuelle Generation von Punk-Rock-Bands?
Arturo Bassick: Da können wir eigentlich nur über amerikanische Bands reden,
denn in England gibt es kaum welche. Es scheint so zu sein, dass alle nur amerikanische,
amerikanische, amerikanische hören wollen. Ich kenne aber natürlich auch Turbonegro
und ähnliche Bands. Ich kann eine gute Platte auch nach wie vor würdigen, aber wichtig
wird sie dadurch für mich nicht mehr. Wichtig ist für mich ausschließlich, was ich
selbst auf die Beine stelle. Je älter man wird, desto mehr durchschaut man auch,
durch wen eine neue Band beeinflusst ist. Wenn du aber 17 Jahre alt bist und keine
Vergleichsmöglichkeiten hast, klingt eben jede Band neu für dich.
??? Was hörst Du heute privat für Musik?
Arturo Bassick: Ich höre nicht nur Punk, sondern interessiere mich auch für
viele andere Musikrichtungen. Ich mag Singer/Songwriter, gälische und keltische Musik,
alten Rock vom Ende der 60er Jahre, psychedelische Musik und alten Motown-Ska. Und
ich mag auch klassische Musik und James Brown, also eine wirklich breite Palette
von Stilrichtungen. Ich bin außerdem von London nach Newcastle gezogen, in den
Nordosten von England. Es ist wunderschön dort, und ich liebe es einfach von Zeit
zu Zeit umherzuziehen. Wenn es meine fünf Windhunde und mein Pferd nicht gäbe, würde
ich mit einem Wohnwagen auf der Straße leben.
|