"My soul was empty"
Interview mit Anthony Baffoe, Ex-Fußball-Bundesliga-Profi und TV-Moderator ("Sport im Westen", "FuJuMa") (im Juli 2004)
??? Du bist als Sohn eines Diplomaten in Bonn aufgewachsen. Was hat deine Eltern von Ghana
nach Deutschland verschlagen?
Tony: Meine Eltern sind Anfang der 60er Jahre zuerst nach England gezogen und sind 1963
zum ersten Mal nach Bonn gekommen. Mein Vater hat dann beantragt, in Deutschland bleiben zu
können, weil er das deutsche Schulsystem gut fand. 1965 war ich dann der Fünftgeborene von
insgesamt sieben Geschwistern: vier Mädels, drei Jungs. Wir haben dann mit den anderen
Diplomatenkindern immer auf der Straße gespielt: Hockey mit den Pakistanis und Indern sowie
Baseball mit den Amerikanern. Und ich bin dann nach meiner Bundesliga-Karriere auch Diplomat
geworden (lacht). Ich habe ja anschließend noch in vielen verschiedenen Ländern Fußball
gespielt.
??? Wie hat deine Fußball-Karriere begonnen?
Tony: Als ich 15 Jahre alt war, habe ich noch beim 1. FC Ringsdorf-Godesberg in Bonn
gespielt und bin entdeckt worden, von Christoph Daum. Er war dann mein Trainer in der B- und A-Jugend
und hat mich stark gefördert. Ich hätte ihn mir jetzt auch sehr gut als Bundestrainer vorstellen
können. Der hätte sicherlich sehr viel beim DFB verändert und damit Erfolg gehabt. Und welcher
Mensch hat keinen Makel? Phil Jackson, der große NBA-Trainer von den Chicago Bulls und Los
Angeles Lakers, war Alkoholiker. Baseballer, die in den USA drogenabhängig sind, gehen in die
Rehabilitation, kommen wieder - und werden noch mehr gefeiert: In Deutschland gibt es diesen
Comeback-Effekt aber leider nicht.
??? Unter dem Jugendtrainer Christoph Daum hast du mit 18 Jahren den Sprung zu den Profis geschafft.
Tony: Von dem kleinen Klub in Godesberg direkt zum 1. FC Köln, das war schon eine ziemliche Umstellung
für mich. Es war vorher auch nie mein Ziel gewesen, Bundesliga-Profi zu werden. Ich hatte parallel
immer relativ erfolgreich Basketball gespielt. Dann sagte mir Christoph Daum aber in einem
Trainingslager in Mallorca, dass ich auf der Liste der Profimannschaft stehe und es schaffen
könnte. Der damalige FC-Trainer Rinus Michels fand mich irgendwie gut. Ich habe dann mit 18
Jahren direkt zwei Bundesliga-Spiele bestritten, in einer Mannschaft mit Spielern wie Toni
Schumacher, Pierre Littbarski oder Klaus Allofs.
Tony Baffoe zeigt "Wiggerl" Kögl vom FC Bayern, was eine Grätsche ist! - Foto: Mit freundlicher Genehmigung der Pressebilderdienst Horstmüller GmbH, Düsseldorf
??? Was konntest Du damals von diesen Stars lernen?
Tony: Ich habe gelernt, dass es nicht reicht, ein Talent zu sein. Man muss auch mental
stark sein, mit dem Druck umgehen können. Toni Schumacher war jemand, der sich alles selbst
erarbeitet hatte - und das auch von den anderen Spielern einforderte. Der hat mich im Training
die ganze Zeit angebrüllt. Irgendwann habe ich ihn mal gefragt, was das soll. Und er hat
geantwortet: "Tony, das mache ich nur, weil ich viel von Dir halte. Du siehst anders aus und
deshalb wirst Du immer doppelt so gut sein müssen wie die Anderen." Da hat es bei mir Klick
gemacht. Nach den ersten Spielen war ich auch schon mal ins Nachtleben abgetaucht. Jetzt suchte
ich wieder die fußballerische Herausforderung und wechselte nach Oberhausen, um in der 2.Liga
Spielpraxis zu sammeln.
??? Nach weiteren Zweitliga-Stationen bei den Stuttgarter Kickers und Fortuna Köln bist Du
1989 in Düsseldorf gelandet. Wie kam es zu diesem Wechsel?
Tony: Nachdem ich mit den Stuttgarter Kickers im Pokalendspiel gestanden hatte und Christoph
Daum mittlerweile Profi-Trainer geworden war, stand ich immer wieder mal im Kontakt mit dem FC.
Die hatten aber schon drei ausländische Spieler, und ich wollte meine ghanaische Staatsbürgerschaft
nicht aufgeben. Es war dann beim Warmlaufen vor dem Spiel Fortuna Köln gegen Fortuna Düsseldorf,
dass mich der damalige Düsseldorfer Trainer Aleksandar Ristic ansprach: "Zauberer, gehst Du
jetzt nach Hamburg oder nicht?" Ich war damals gerade als Nachfolger von Manni Kaltz beim HSV
im Gespräch und antwortete, dass ich es noch nicht wisse. Da sagte Ristic zu mir: "Wir werden
aufsteigen, Ihr werdet nicht aufsteigen, dann kommst Du nach Düsseldorf!" Wir haben die Partie
danach zwar ganz klar mit 4:1 gewonnen, haben unseren großen Vorsprung aber noch verspielt,
so dass Ristic Recht behalten sollte. Und kurze Zeit nach dem letzten Spieltag klingelte bei
mir das Telefon...
DTH und Tony Baffoe '89
??? Die Hosen haben sich damals an Deiner Ablösesumme beteiligt, was sie aus der
"Fortuna-Mark" finanzierten, die sie bei einer Tour einbehalten hatten.
Tony: Es fehlte wohl noch etwas Geld für meinen Transfer. Und dann kamen die Hosen
ins Spiel. Es entstand dabei die Idee, dass den Hosen dafür mein rechtes Bein gehört. Und
ich fand klasse, dass das nicht einfach ein PR-Gag einer bekannten Band war, sondern dass
die Jungs wirklich dahinter standen. Es ist ja ein Wahnsinn, wie die hinter ihrem Verein
und hinter ihrer ganzen Stadt stehen! Die fanden mich damals als Spieler gut, und ich habe
mich dann auch mal mit ihren Texten befasst, die sehr gut die unterschiedlichen Charaktere
in der Band widerspiegeln. Die Jungs sind dann auch immer wieder mal in der Kabine vorbei
gekommen, wenn es eine neue Platte oder ein neues Video gab. Damals war ja auch noch Trini
Trimpop dabei, eine irre Type.
??? Wie hat Dir die Zeit in Düsseldorf ansonsten gefallen?
Tony: Ich hatte anderthalb sehr gute Jahre und ein letztes, das weniger gut war. Da sind
wir aus der Bundesliga abgestiegen und sechs Spieler sind suspendiert worden, ich eingeschlossen.
Wir waren vom sehr guten Trainer Ristic einfach zu verwöhnt gewesen. Mit seinem Nachfolger Pepi
Hickersberger bin ich auch schon mal aneinander geraten. Nach einer hohen Niederlage in einem
Freundschaftsspiel, in dem ich sehr schlecht gespielt hatte, musste ich hinterher in der Zeitung
lesen, dass der mich wegen meiner angeflochtenen Dreadlocks kritisiert hatte. In der
Teambesprechung am nächsten Tag hat er mir dann auch gesagt, dass er die Frisur nicht mehr sehen
will. Da habe ich zu ihm gesagt: "Schauen Sie sich doch mal selbst an! Ihr Anzug ist so hässlich!"
Ich wollte ihm damit klar machen, dass ich es akzeptiere, wenn er meine Leistung kritisiert,
aber nicht, wenn er mich persönlich angreift.
Bei Fortuna auf dem Trainingsplatz: Bernd Klotz, Tony Baffoe und Uwe Fuchs (von links) - Foto: Mit freundlicher Genehmigung der Pressebilderdienst Horstmüller GmbH, Düsseldorf
??? Du hast im Laufe Deiner Profikarriere alle Höhen und Tiefen kennen gelernt...
Tony: Ein Tiefpunkt war sicherlich der Abstieg mit der Fortuna, auch weil ich als einer
der Mitschuldigen ausgemacht wurde. Ein anderer war der aufkeimende Rassismus in den
Bundesliga-Stadien, obwohl ich im Vergleich zu Tony Yeboah und Souleyman Sane noch glimpflich
davon gekommen bin. Da gab es diese Affengeräusche, und es wurden Bananen nach uns geworfen.
Da habe ich mich dann natürlich auch mehr als einmal gefragt, ob ich mich in diesem Land noch
wohl fühlen kann.
??? Du bist ja immer sehr offensiv mit dem Thema Rassismus umgegangen. Zu einem Schiedsrichter
hast Du mal gesagt: "Wir Schwarzen müssen doch zusammenhalten" und zu einem pöbelnden Zuschauer:
"Du kannst auf meiner Plantage arbeiten!"
Tony: Diese Sätze wirken zwar auf den ersten Blick sehr humorvoll, da steckte aber jede
Menge Ironie dahinter. Ich wollte die Rassisten mit ihren eigenen Waffen schlagen. Und ich
habe damals schnell kapiert, dass ich eine große Rolle für meine schwarzen Brüder in der
Bundesliga spielte, die sich nicht so artikulieren konnten wie ich. Ich habe da wohl einige
Türen geöffnet. Die Schwarzen, die heute in der Bundesliga spielen, haben den Vorteil, dass
mittlerweile fast jeder Klub einen in seinem Team hat und die Rufe dadurch automatisch
ausbleiben. Und die Schwarzen tragen jetzt fast alle eine Frisur wie ich früher und keiner
sagt mehr was dagegen (lacht). Ich glaube, dass ein Afrikaner aber nach wie vor besser
spielen muss als ein Deutscher.
Bei Fortuna hinter der Bande: Tony Baffoe mit dem Argentinier Marcello Carracedo - Foto: Mit freundlicher Genehmigung der Pressebilderdienst Horstmüller GmbH, Düsseldorf
??? 2003 hast Du stellvertretend für die Organisation "Football Against Racism in Europe"
(FARE) einen Preis für den Kampf gegen den Rassismus entgegen genommen.
Tony: Der Preis wurde FARE für ihre Arbeit zuerkannt, aber die wollten, dass ich den
entgegen nehme und eine Rede halte. FARE hat mittlerweile Büros in fast allen europäischen
Ländern und einmal im Jahr findet eine antirassistische Weltmeisterschaft in Italien statt.
Hätte es eine Organisation wie FARE in den 80ern gegeben, wäre es für mich und andere
schwarze Spieler bestimmt leichter gewesen. Mittlerweile gibt es in den Stadienordnungen
sogar Paragraphen, dass bestimmte Lieder nicht mehr gesungen werden dürfen. Das ist ein
großer Fortschritt, müsste in manchen Städten nur auch mal konsequenter angewendet werden!
Es gibt aber immer noch viel zu tun, gerade in den osteuropäischen Ländern.
??? Du bist Anfang der 90er Jahre nach Frankreich gewechselt und hast damit Deine Karriere
als "Fußball-Diplomat" gestartet...
Tony: 1992 habe ich im Senegal erstmals am Afrika-Cup teilgenommen. Und wir waren mit
mehreren Mannschaften im selben Hotel untergebracht. Wie die Spieler dort miteinander
umgegangen sind, hat mich schwer beeindruckt. Und von da an hatte ich nur noch das Ziel, einmal
mit Schwarzen in einer Mannschaft zu spielen. Deshalb bin ich kurz darauf nach Frankreich,
zum FC Metz, gewechselt und wurde da schon nach drei Monaten zum Kapitän gewählt. Ich habe dort
zentral in der Abwehr gespielt, und das damals mit und gegen so große Spieler wie Zidane, Pires,
Vieira, Djorkaeff oder Lizarazu. In Frankreich war der Mischmasch aus weißen und schwarzen
Spielern einfach ganz normal. Es wurde eine wunderschöne Zeit für mich!
Nationalspieler für Ghana
??? 1991 bis 1994 bist Du als Nationalspieler für Dein Heimatland Ghana aufgelaufen.
Wie wurdest Du empfangen?
Tony: Ich hatte Ghana schon in meiner Kindheit ein paar Mal besucht, konnte das Land
so aber noch mal neu entdecken. Ich kann mich noch an die Überschrift nach meiner Ankunft
als Nationalspieler erinnern: "Anthony Baffoe has arrived - special bed for him!" Die haben
mich wie einen Giganten beschrieben und zum ersten Training sind locker 10.000 Leute gekommen.
Ich habe mich dann aber nach der ersten Nacht ganz schnell bei den anderen Spielern einquartiert,
wollte keine Extra-Behandlung. Und die waren wohl auch alle ziemlich überrascht, dass ich meine
Heimatsprache spreche. Beim Frühstück um 9 Uhr war ich allerdings der einzige Spieler, der
pünktlich am Tisch saß (lacht). Das kannte ich halt so aus Deutschland.
??? 1992 habt Ihr das Endspiel im Afrika-Cup erreicht und erst mit 11:10 im Elfmeterschießen
verloren. Du musstest zweimal schießen, hast den ersten verwandelt und den entscheidenden verschossen.
Wie hast Du das damals selbst erlebt?
Tony: Ich habe danach auf Englisch gesagt: "My soul was empty!" Es war ein minutenlanges
Gefühl der Leere, das mich überfiel. Ich habe mir dann aber überlegt, dass es besser war, dass
ich verschossen habe, als irgendein junger Spieler. Und der Fehlschuss hat mich in Afrika wohl
sogar noch bekannter gemacht als vorher. Ich habe aber auch danach weiter Elfmeter geschossen -
und verschossen (lacht). Ich verstehe es aber bis heute nicht: Den ersten hatte ich ja locker
verwandelt. Lustigerweise hatten mich vorher noch Leute aus Ghana angerufen, dass ich schauen
sollte, was der Torwart der Elfenbeinküste in seiner Tasche hat. Der hatte halt zuvor im
ganzen Turnier kein Tor kassiert, und da denkt man in Afrika immer schnell an Voodoo.
Unvergessliche Momente
??? Was waren weitere unvergessliche Momente auf dem afrikanischen Kontinent?
Tony: Da passieren schon unglaubliche Dinge: Ein Voodoo-Priester hat mal zwei
Mannschaften gesagt, dass diejenige verliert, die als erste auf dem Platz ist. Da sind
dann jeweils nur zehn Spieler aufgelaufen, und der jeweilige elfte ist in der Kabine
geblieben. Oder die haben ein geschlachtetes Schaf unter dem Mittelpunkt vergraben, weil
das eine spirituelle Wirkung haben sollte. Was ich aber wirklich vermisse, sind die
Momente mit der Nationalmannschaft: Drei Tage vor dem Spiel haben sich immer alle Spieler,
egal ob Muslime oder Christen, zum Beten getroffen. Ich war damals schon sehr gläubig,
aber das hat mich noch gläubiger gemacht. Wir haben da dann außerdem gospel-mäßig miteinander
gesungen: Auch im Mannschaftsbus, auf dem Weg zum Stadion, haben wir gesungen, sogar im
Stadion, um dem Gegner zu zeigen: "Wir sind da!" Das war alles schon sehr bewegend.
??? Deine Karriere hast Du zwischen 1997 und 1999 in Hongkong und Venezuela ausklingen lassen.
Tony: In Hongkong war ich mit meinen Dreadlocks in der U-Bahn jedes Mal die Sensation.
Der Hongkong-Chinese bleibt aber lieber unter sich. Die Landung zwischen den Hochhäusern
werde ich dafür nie vergessen. Und Venezuela war vor allem ein Land, das total korrupt ist.
Man durfte auch nicht zu gut angezogen sein, weil man sonst verfolgt worden wäre. Ich habe
aber in jedem Land auch nette Menschen kennen gelernt. Außerdem kann ich jetzt endlich auch
Spanisch sprechen. Ich kann jedenfalls von mir sagen, auf jedem Kontinent gespielt zu haben,
außer in Australien. Und die ganze Reiserei hat mich sehr selbständig gemacht.
??? Wie hat sich Dein Berufsleben nach der Fußballkarriere entwickelt?
Tony: Ich habe nach meiner Rückkehr aus Venezuela erstmal in London gelebt und ein
bisschen gemodelt. Meine Schwester, die in der "Lindenstraße" spielt, hat zeitgleich in
Deutschland den Namen hochgehalten. Dann suchte das DSF für ihr Fußball-Jugendmagazin
"FuJuMa" einen Ex-Bundesligaspieler, der auch moderieren kann. Und da es schon immer
mein Ding war, Fußball mit Lifestyle zu verbinden, habe ich dort angefangen. Mittlerweile
hatten wir alle Stars aus der Bundesliga zu Gast, das reicht von Metzelder über Kurányi
bis Frings. Ich mag einfach das Interviewen von Persönlichkeiten.
Tony und Campino bei der "FuJuMa"-Aufzeichnung - Foto: Christof Wolff
??? Im Mai 2004 lief die 100. Sendung von "FuJuMa". Zum ersten Mal war kein Fußballer
zu Gast, sondern Campino. Wie kam es zu dieser Konstellation?
Tony: Das ist ein bisschen auf meinem Mist gewachsen. Campino ist ja ein absoluter
Fußball-Freak, als England- und Fortuna-Fan. Und ich habe echt Respekt vor dem, was er
erreicht hat. Es war eine echte Ehre für mich. Und wir haben dann in der Sendung geplaudert,
wie man es auch im Café tun würde. Es ist schön, dass er trotz seines Bekanntheitsgrades
so normal geblieben ist. Ich habe ihn dann auch nach weiteren Plänen im Fußball gefragt,
und er hat gesagt: "Natürlich lieben wir Fortuna, aber wir würden das auch für andere
Klubs in unserer Stadt machen." Unser "Lattenschießen" im Stadion am Flinger Broich ging
übrigens passenderweise bis zum bitteren Ende: Wir haben an dem Tag einfach beide nicht
getroffen. Erst nach etwa 15, 20 Schüssen war es dann Campino, der endlich die Latte
getroffen und gewonnen hat.
|