Das Jahr 2005
Zum Jahresbeginn liefen noch die letzten Folgen der TV-Serie "Friss oder stirb". Die Hosen zeigten das schmutzigste Backstage-Klo in Bulgarien, das lauteste Wohnzimmerkonzert in Pirmasens und den dunkelsten Zeltplatz in der Eifel. Im Nachhinein war es wieder mal ein abgeschlossenes Experiment, ohne das man so manches abenteuerliche Erlebnis gar nicht erst gehabt hätte.
Gleichzeitig trafen sich die fünf wieder regelmäßig im Proberaum, um sich für den zweiten Teil der "Friss oder stirb"-Tour warm zu spielen. In insgesamt 39 Städten absolvierte die Band die erfolgreichste Tour in diesem Zeitraum. Nicht weniger als 700.000 Menschen wurden Zeuge der Konzerte im deutschsprachigen Raum. Campino: "Wir haben einerseits unheimlich viele Treuebeweise von den alt gedienten Hosen-Supportern bekommen, anderseits feststellen dürfen, dass unheimlich viele junge Leute bei den Konzerten waren. Dass viele Menschen zum ersten Mal zu unseren Konzerten kommen, finde ich genauso wichtig, und das ist für uns auch eine Motivation."
Die Festivalsaison fand derweil regelmäßig im Dauerregen statt. In Tschechien, Slowenien und natürlich mal wieder am Dresdner Elbufer standen die Hosen besonders tief im Matsch. Soviel Einsatz wurde belohnt: Beim Überraschungsauftritt bei "Rock am Ring" verlieh Gastgeber Marek Lieberberg dem Headliner der letzten beiden Jahre das Hausrecht, jederzeit wiederkommen zu dürfen. Campino und Andi trotzten dem vollen Terminkalender und setzten sich zwischendurch in die Türkei ab. Irgendwo vor den Toren Istanbuls sicherte sich der FC Liverpool den Champions-League-Titel im Elfmeterschießen. Hardcore-Fan Campino flog sogar zum Feiern noch nach Liverpool weiter, ließ aber vorher ausrichten: "Würzburg findet statt!"
Bei den von Bob Geldof initiierten "Live 8"-Benefiz-Konzerten in Berlin und Edinburgh durften die Hosen natürlich auch nicht fehlen. Das Konzert in Berlin wurde zu einer besonderen Herausforderung für die Band: Der kostenlose Open-Air-Auftritt fand nachmittags vor 250.000 Zuschauern an der Siegessäule statt; abends warteten noch einmal 14.000 Fans in der Kölnarena auf das Nachholkonzert vom Dezember 2004. Die Hosen standen pünktlich auf der Bühne - obwohl ihnen auf dem Köln-Bonner Flughafen Bayern-Manager Uli Hoeneß über den Weg gelaufen war. Campino: "Und dann haben die Toten Hosen ihn belagert! Ich bin dann auch noch hin und habe gesagt: ,Herr Hoeneß, ich wollte sie immer schon mal treffen.' Da gab er mir ganz unsicher die Hand und wusste nicht, ob ich ihn veräppeln wollte oder ob es die Wahrheit war.
Es blieb eine ganz strange Begegnung."
Einen absoluten Höhepunkt in der Bandgeschichte markierte das Unplugged-Konzert im altehrwürdigen Burgtheater in Wien, anschließend dokumentiert auf der CD und DVD "Nur zu Besuch: Die Toten Hosen Unplugged".
Wann hat man schon mal die Gelegenheit, seine größten Hits und liebsten Coverversionen an einer Stätte der Hochkultur vorzustellen? Unterstützt von einem Cellisten und einer Pianistin bewiesen die Herren dabei, dass sie im Laufe der Jahre doch recht veritable Musiker geworden sind. Campino, der die gesamte Inszenierung sitzend absolvierte, sagte hinterher: "Ich habe wirklich nie daran gezweifelt, dass wir das schaffen würden, unseren Liedern eine andere Note zu geben und dass wir Dinge aus diesen Liedern rausholen würden, die vielleicht sonst nicht zu hören sind. Es gibt ja Leute, die sagen, dass die Toten Hosen eine reine Party-Band sind. Ich habe das nie nachvollziehen können, weil für mich auch immer eine grüblerische Seite da war."
Nur eine Woche später nach dem klassischen Gastspiel stand das Tourfinale
an: Und so etwas spielt man natürlich vor der eigenen Haustür! Die nach dem Abriss des Rheinstadions neu errichtete Düsseldorfer Arena war am 10.
September gerade groß genug, um noch einmal die größten Hits der abgelaufenen Saison herauszuhauen: 50.000 Fans feierten mit der Band, die den Vater von Vom Ritchie für "Blitzkrieg Bop" ans Mikrophon holte und auch das Heimspiel in der Verlängerung für sich entscheiden konnte. Um das arbeitsintensive Jahr endgültig komplett zu machen, ging es im Herbst mal wieder für drei Konzerte nach Argentinien, wobei man sich diesmal als Unterstützung die Beatsteaks ins Gepäck packte. Campino: "Man fährt da immer hin und denkt: ,Hoffentlich wird es noch mal wie letztes Jahr!' Und ich bin auch gar nicht davon ausgegangen, dass man das noch toppen kann. Aber ich hatte das Gefühl, dass das diesmal noch verrückter war als sonst."
Der Jahresabschluss wurde nach all dem Krach besinnlicher begangen, aber auch nicht wirklich leiser: Die Hosen erklommen zusammen mit ihren alten Freunden Gerhard Polt und den Biermösl Blosn diverse Theaterbühnen dieser Republik und brachten ihr vorweihnachtliches Stück "Abvent" auf die Bretter.
Der Höhepunkt einer jeden Vorstellung war sicherlich das Vortragen eines persönlichen Gstanzls* - immer mit der Hand am Brummtopf.
Im Jahr 2006 steht jetzt erstmal ein längerer Bandurlaub an und außerdem ist ja auch noch Fußball-Weltmeisterschaft.
[*Das Gstanzl ist ein bayerisch-österreicherischer Spottgesang (vorwiegend im Drei-Viertel-Takt), auch bekannt unter Vierzeiler, Schnaderhüpfl oder Trutzgsangl.]
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